Metallurgisches Kombinat Riesa
Riesa, Sonntag 28.März 1993

  

 Auf einer Autofahrt von Berlin nach Nürnberg entscheide ich mich, nicht die Autobahn zu nehmen, sondern den Weg über die Landstraßen. Ich habe Zeit und lasse mich treiben, nur mit einer groben Richtung. In Riesa komme ich an einem im Abriss begriffenen Industriekomplex vorbei. Das ehemalige metallurgische Kombinat der Stadt Riesa, einstmals Arbeitsplatz von rund 13.000 Menschen, die Stadt selbst hatte vor der Wende rund 50.000 Einwohner. Ich erkunde das Gelände, die riesigen Hallen sind schon weitestgehend leer. Man erkennt, dass nur noch wenige Menschen hier damit beschäftigt sind, die Hallen auszuweiden.

 

 

   Die verrußten Fensterscheiben im Dach lassen kaum noch Licht hinein, Überall liegen riesige Berge zerkleinerter Metallteile. Schon nach wenigen Minuten bemerke ich etwas Sonderbares. Obwohl ich allein bin auf diesem gigantischen Areal, begegne ich den Spuren der Arbeiter, die hier bisher tätig waren. Es sind Stühle in den unterschiedlichsten Formen, oft zerschlissen vom rauhen Arbeitsalltag, teilweise individuell verändert, sehr viele aber auch defekt und achtlos weggeworfen. Sie stehen einzeln oder in Gruppen. Einigen sieht man an, daß sie am nächsten Tag dem Besitzer wieder etwas Entlastung bringen werden, bei der schweren Arbeit und in Anbetracht der unsicheren Zukunft. Anderen sieht man an, dass der bisherige Besitzer schon länger fort ist, kein Anderer sie noch braucht und der Tag kommen wird, an dem sie endgültig weggeräumt und zum alten Eisen geworfen werden.

 

  

   Ich versuchte mir vorzustellen, wer hier gearbeitet hat und auch wo diese Stühle einstmals eingesetzt wurden, denn es ist offensichtlich, dass einige von ihnen von irgendwo herbeigeholt wurden, passen sie doch oft nicht in diese rauhe, staubige Umgebung. Auch wenn die Stühle in ihrer Verletztheit bereits Geschichten erzählen, blieben die Besitzer bisher anonym.

 

 

   Die Aufnahmen lagen nun seit vielen Jahren in meinem Archiv und immer wieder hatte ich die Idee, den Stühlen Gesichter zu geben. Zeitmangel und berufliche Gründe ließen mich bisher nicht dazu kommen, diese Arbeit zu vollenden. Ein erster Ansatz ist nun die Kombination mit fiktiven Daten. Gern möchte ich diese Aufnahmen zukünftig ergänzen mit realen Biografien von Menschen, die dort im Stahlwerk gearbeitet haben, vielleicht sogar an der Demontage mitgewirkt haben.

Wenn Sie etwas dazu beitragen können, oder jemand kennen, der/die dort gearbeitet hat, dann nehmen Sie gern Kontakt mit mir auf. Interessiert bin ich an Berichten, Interviews und Portraits.

Michael Harms, Berlin 2006

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