Zwanzig - Vierzig

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Dass man mit 40 - kurz gesagt - uralt ist, darin wären sich sicherlich
die Zwanzigjährigen
unterschiedlicher Generationen einig. Der Abstand
von zwei Jahrzehnten erscheint in diesem Alter unendlich lang und die
Vorstellung, wie man in der Lebensmitte selber dann sein würde ist
nicht wirklich möglich. Schon gar nicht kann man sich als Zwanzig-
jähriger ausmalen, wie es sein wird, dann mit 40 auf das 20-Sein
zurückzublicken. Genau so muss es auch den Teilnehmern des Projekts
"1984-2004" gegangen sein. 1984 hatte sie der damals selbst 20jährige
Fotograf Michael Harms porträtiert, schon mit dem Vorhaben, 20 Jahre
später jeweils ein zweites Foto von ihnen zu machen. Dieser Zeitpunkt ist
jetzt gekommen. Die zwei Jahrzehnte sind vergangen und Michael
Harms ist jetzt dabei, seine Modelle von damals wieder ausfindig zu
machen und jeweils das zweite Schwarz-Weiß-Porträt von ihnen
aufzunehmen. Die ersten zehn Bilder-Paare sind fertig. Was ist darauf
zu sehen? 20Jährige und 40Jährige, klar. Aber was macht den Anblick
für den Betrachter so faszinierend? Geht es wirklich nur um das Alter,
wenn man sich diese Gesichter ansieht? Zählt man die Falten? Sicher
nicht nur. Zunächst einmal stehen die zwei Abbildungen ein und
desselben Gesichtes für zwei Zeitpunkte und laden zum Vergleich ein.
Aber es wird auch ein Interesse für das Dazwischen geweckt. Es beginnt
eine Suche danach, was in diesen 20 Lebensjahren passiert sein mag.
Man versucht zu erfassen, was die beiden Bilder verbindet. Ob es etwas
zu sehen gibt, was sich fortgesetzt hat, oder ob sie vielleicht einen
Bruch widerspiegeln? Es mag aber auch sein, dass es auch einfach um
die Geschichte
geht, die in jedem entstehen kann, der so ein Bilder-Paar
in Ruhe auf sich wirken lässt. Eine Geschichte, die vermutlich mehr mit
dem Betrachter zu tun hat, als mit dem Abgebildeten ...

 

Michael, wenn du die Fotos heute vor dir hast, wie geht es dir damit?
Ist darauf zu sehen, was du erwartet hast?

Als ich mit diesem Projekt begonnen habe, hatte ich ehrlich gesagt keine
so genaue Vorstellung davon, was das Ergebnis sein würde. Mich hat die
Veränderung interessiert. Am ehesten hatte ich damals erwartet, dass ein
Bruch zu sehen sein würde nach so langer Zeit. Aber wenn ich mir die Fotos
heute so ansehe, finde ich die Veränderung eigentlich erstaunlich gering.


Bist du enttäuscht?

Nein, mir gefällt das Ergebnis sehr gut. Aber ich habe
es mir anders vorgestellt. Natürlich sehen die Gesichter älter aus. Aber vor
allem fällt mir auf, dass das Wesen der Einzelnen gleich geblieben ist. Das
war auch beim Fotografieren stark spürbar. Die Stimmung war jetzt bei der
zweiten Runde jeweils ganz ähnlich wie beim ersten Mal. Die einen lassen
diese Situation mehr oder weniger über sich ergehen, andere lachen dabei
ganz viel ... , das hat sich jetzt wiederholt. Das war wirklich schön. Keiner
von ihnen ist mir so richtig fremd geworden. Für mich ist das Fazit: Der
Mensch ist auch nach 20 Jahren im wesentlichen der Gleiche.

Als du damit begannst, Gleichaltrige zur porträtieren, hattest du gleich von
Anfang an vor, das 20 Jahre später noch einmal zu tun?

Ja, als ich damit anfing, Porträtfotos zu machen, war die Idee für das Projekt
über 20 Jahre sehr schnell da. Zunächst fotografierte ich einfach Klassen-
kameraden von mir, dann kamen Freunde und Freundesfreunde hinzu, und als
ich nach Berlin ging, erweiterte sich der Kreis noch einmal. Aber ich stand zu
diesem Zeitpunkt noch sehr am Anfang meiner Fotografen-Laufbahn. Ich hatte
vorher noch gar keine Porträts gemacht. Eigentlich war ich für die Motivsuche
mehr draußen unterwegs gewesen. Reihungen interessierten mich. Kirchtürme,
Haustüren, aber auch verfallene Häuser. Mich faszinierte die Ästhetik des Verfalls.
Da war die Studio-Fotografie eine ganz schöne Umstellung. Allein, dass Porträt-
Fotografie damit verbunden sein kann, jemanden zum Fotografieren extra einzu-
laden, war für mich ungewohnt.

Wie hast du über den langen Zeitraum Kontakt gehalten?

So gut wie gar nicht. Mit vielen von ihnen war ich in Oldenburg zusammen zur
Schule gegangen und ich hatte schon gedacht, dass wir irgendwie in Kontakt
bleiben würden. Das war aber nicht so. Die ersten zwei Jahre kam hin und wieder
noch eine Umzugsmeldung von einem meiner Modelle, aber danach war das vorbei.
Ich habe über die Jahre die Oldenburger Telefonbücher aufgehoben, was gar nicht
unbedingt notwendig gewesen wäre. Denn wie sich herausgestellt hat, wohnen die
Eltern meiner Freunde und Bekannten überwiegend noch am gleichen Ort. Über sie
konnte ich viele ausfindig machen. Die meisten anderen habe ich in Berlin kennen-
gelernt, wo ich heute wohne. Das macht es noch leichter.

Wie war die Reaktion, als du sie nach 20 Jahren anriefst?
Erinnerten sie sich noch an das Projekt?

Ja schon, obwohl auch viele gar nicht mehr daran gedacht hatten. Die meisten
haben sich sehr gefreut und waren sehr überrascht, dass ich wirklich vorhabe das
Projekt weiter zu führen.

Woher hast du die Zuversicht genommen, dass du es wirklich schaffst, über 20
Jahre an diesem Projekt dran zu bleiben?

Das kann ich mir heute selber nicht erklären. Ich finde es bemerkenswert. Zumal ich
mir damals eigentlich gar nicht hatte vorstellen können, was mit 40 überhaupt sein
würde. Die Zeitspanne von 20 Jahren schien so unendlich lang. Heute würde ich sagen,
eigentlich stellte ich mir die 20-Jahres-Zeitspanne eher wie 40 Jahre vor, so als hätte
sich die Vorstellung vom 40-Sein mehr wie 60 angefühlt ... .

Du hast dich selbst auch porträtiert. Was verbindest du mit deinem 20er-Foto?

Ich war damals unbeschwert, da finanziell gut versorgt. Aber ich war auch unglücklich,
weil ich viel allein war. Es ist eines der wenigen Fotos auf denen ich lache.

Und was sagst du zu dem aktuellen Porträt von dir?

Ich finde, dass ich darin einen schalkhaften Gesichtsausdruck habe und dass ich
distanziert wirke. Beides, meine ich, spiegelt mich ganz gut wieder.

Wie bist du beim Fotografieren vorgegangen?

Wie gesagt, ich war, als ich mit diesem Projekt anfing noch sehr unerfahren und musste
einfach herum probieren. Ein ausgefeiltes visuelles Konzept hatte ich nicht. Ich habe mir
einfach die Zeit genommen, über zwei Jahre verteilt 38 Leute zu porträtieren, alle so um
die 20 Jahre alt. Was mich in dieser Zeit sehr beeindruckt hat, waren die Fotos von
Richard Avedon. 1984 war sein Foto-Band "The American West" herausgekommen, und
für mich war dies die erste große Arbeit auf dem Gebiet der Porträt-Fotografie, die ich
kennenlernte. Avedons Markenzeichen bei diesen Bildern ist, dass er seine Modelle frei
agieren lässt. Er greift in deren Selbstinszinierung so gut wie nicht ein. Man könnte fast
sagen, dass es Selbstporträts sind, die so entstanden sind. Seine Einflussnahme beschränkte
sich darauf, egal wo er jemanden fotografierte, für einen weißen Hintergrund zu sorgen; er
bestimmte den Moment, in dem er auf den Auslöser drückte und die Auswahl des Bildes.
Mehr dirigierte er nicht. Avedons betont sachlichen Schwarz-Weiß Porträts einfacher,
unverstellter Leute sprachen und sprechen mich sehr an. Es gibt dabei kaum Spielerei mit
den Mitteln der Fotografie, also mit Licht, Schatten oder der Perspektive. Das fand ich von
Anfang an auch für mein Projekt passend, auch um eine gewisse Vergleichbarkeit zu haben.
Aus diesem Grund mache ich bei diesen Aufnahmen sehr wenig Vorgaben. Das Wichtigste ist
mir der neutrale Hintergrund. Wie sich die Modelle darstellen, bleibt ihnen überlassen. Ich
ermutige sie nicht zum Lächeln, und mir ist es lieber, wenn sich ihr Blick nicht auf die Kamera
bezieht. Natürlich ist es mir wichtig, dass sie sich wohl fühlen in diesem Setting. Aber was
die Gestaltung angeht, biete ich ihnen nur einen festen Rahmen, den Rest überlasse ich ihnen.
Das ist für manche auch eine große Herausforderung. Es kann verunsichern.

Was ist mit 2024 und 2044?

Ursprünglich hatte ich nicht vor, das Projekt zu erweitern. Aber jetzt finde ich die Idee, uns
auch als 60jährige aufzunehmen sehr interessant. Weiter denke ich nicht. Wie auch, wo doch
40 schon unvorstellbar war ...

Mitmachen? Zur Zeit entstehen wiederum Portraits von jetzt 20-jährigen Berlinern. Hierzu suche ich noch Freiwillige. Nähere Infos unter:

Zu den Bildern

Bisherige Veröffentlichungen im Rahmen dieses Projekts:

1985 Preisträger Deutscher Jugendfotopreis

1986 Jugend der 80er-Jahre (Beteiligung), Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland und UNESCO

2004 Ausstellung im Pestalozzi-Fröbel-Haus, Berlin Schöneberg

2006 Ausstellung im Humana-Second-Hand-Kaufhaus, Berlin Frankfurter Tor 3, Beteiligung am Kunstkreuz2006

2006 Veröffentlichung in DasMagazin 10/2006

2006 Berliner Verlag, Berlin Mitte

2007 Ausstellung in der Kinder- und Jugendbibliothek Oldenburg